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Krankheiten referenzindex «Affektive Störungen»

Was sind affektive Störungen?

Von affektiven Störungen spricht man, wenn eine Störung der Stimmung – entweder depressiv-gehemmt oder manisch-erregt – im Zentrum der Problematik steht. Affektive Störungen treten typischerweise phasenhaft auf, d.h. vor und nach der Depression oder Manie weist der Betroffene Stimmungslagen im Normalbereich auf. In vielen Fällen treten depressive und/oder manische Phasen mehrfach während des Lebens auf (man spricht dann auch von wiederkehrenden oder „rezidivierenden“ Störungen). Neben Depressionen und Manien gehören auch die anhaltenden affektiven Störungen wie die Dysthymie (dauerhaft leicht depressive Stimmung) und die Zyklothymie(dauerhaft zwischen leicht depressiv und leicht gehoben wechselnde Stimmung) zu den affektiven Störungen.

Depressionen werden nach ihrem Schweregrad unterteilt in leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden. Bei schweren Depressionen können weiterhin Depressionen mit und ohne psychotische Symptome unterschieden werden. Manien werden unterteilt in hypomane (leichtere) und manische (schwerere) Episoden, bei manischen Episoden können die Manien mit und ohne psychotische Symptome auftreten. Neben reinen depressiven oder manischen Episoden können auch sog. Familienangemischte affektive Störungen auftreten, in denen sich ein manisches und ein depressives Zustandsbild in rascher Folge abwechseln. Affektive Störungen können unipolar oder bipolar verlaufen. Bei einem unipolaren Verlauf treten ausschließlich manische oder depressive Phasen auf, wobei in den allermeisten Fällen nur Depressionen auftreten, während wiederholte reine Manien sehr selten sind. Bei einem bipolaren Verlauf wechseln sich manische und depressive Episoden ab, wobei der Wechsel nicht regelmäßig ist. Unipolare Störungen sind sehr viel häufiger als bipolare. Die meisten affektiven Störungen treten rezidivierend auf, also in mehreren Phasen. In ca. 15% aller Fälle treten jedoch Depressionen auch nur ein einziges Mal auf.

ICD-10-Klassifikation affektiver Störungen

F30 manische Episode
F30.0 Hypomanie
F30.1 Manie ohne psychotische Symptome
F30.2 Manie mit psychotischen Symptomen

F31 bipolare affektive Störung
F31.0 gegenwärtig hypomanische Episode

F31.1 gegenwärtig manische Episode ohne psychotische Symptome
F31.2 gegenwärtig manische Episode mit psychotischen Symptomen
F31.3 gegenwärtig mittelgradige oder leichte depressive Episode
F31.4 gegenwärtig schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
F31.5 gegenwärtig schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen
F31.6 gegenwärtig gemischte Episode

F32 depressive Episode
F32.0 leichte depressive Episode
F32.1 mittelgradige depressive Episode
F32.2 schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
F32.3 schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen

F33 rezidivierende depressive Störung
F33.0 gegenwärtig leichte Episode
F33.1 gegenwärtig mittelgradige Episode
F33.2 gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
F33.3 gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen

F34 anhaltende affektive Störungen
F34.0 Zyklothymia
F34.1 Dysthymia

Bipolare affektive Störungen

Etwa 1-2% aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer bipolaren Störung, d.h. depressive Episoden wechseln sich ab mit manischen, hypomanen oder gemischten Phasen. Bipolare Erkrankungen beginnen im Durchschnitt früher als reine Depressionen, das Ersterkrankungsalter liegt bei durchschnittlich 16 - 18 Jahren. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.

Bipolare Störungen beginnen häufiger mit einer Manie als mit einer Depression und verlaufen meist schwerer als reine („unipolare“) Depressionen, d.h. es treten mehr Episoden auf. Wenn sich die depressiven Episoden mit ausgeprägten Manien abwechseln, spricht man auch von bipolar-I Erkrankungen, beim ausschließlichen Auftreten von leichteren hypomanen neben den depressiven Phasen wird die Störung als bipolar-II bezeichnet.

Wie bei reinen Depressionen gehen auch die Episoden in bipolaren Störungen meist vollständig zurück. Dennoch sind 20 -30% der Betroffenen auch in den krankheitsfreien Phasen durch eine erhöhte Stimmungslabilität u.U. stark beeinträchtigt. Der Verlauf bipolarer Störungen ist insgesamt schlechter als der Verlauf von unipolaren Depressionen; die Rate an zusätzlichen psychischen Erkrankungen ist höher, die Suizidrate liegt mit 15 -30% ebenfalls höher.

Zyklothymien und Dysthymien

Als Dysthymien bezeichnet man chronische (mind. 2 Jahre dauernde) leichtere depressive Störungen, die niemals den Schweregrad einer vollständigen Depression erreichen, allerdings treten häufig im langfristigen Verlauf auch zusätzliche depressive Episoden auf. Ca. 6 - 10% aller Menschen sind betroffen. Früher hat man diese Formen auch als neurotische Depressionen bezeichnet.

Bei einer Zyklothymie besteht über mind. 2 Jahre ein Wechsel von depressiver und gehobener Stimmung, ohne dass die Kriterien einer bipolaren Störung erreicht werden. Sie treten bei 0,5 - 1% der Bevölkerung auf und gehen in 15 -30% der Fälle in einer bipolare Störung über.

Wie entstehen affektive Störungen?



Abbildung: Operationalisierte Diagnostik depressiver Störungen nach der ICD-10

Affektive Störungen werden durch verschiedene Einflussfaktoren verursacht. Dazu können eine genetische Veranlagung, Belastungen in der Kindheit, körperliche Erkrankungen, aktuelle Stresssituationen oder Konflikte sowie hormonelle oder andere biologische Veränderungen gehören. Man nimmt an, dass Erbfaktoren eine erhöhte Veranlagung, an affektiven Störungen zu erkranken, verursachen, dass aber andere Faktoren wie Belastungssituationen oder hormonelle Veränderungen die Krankheitsphasen auslösen.

  • Für die genetische Veranlagung (Disposition) sprechen Befunde, dass affektive Störungen gehäuft bei nahen Familienandass sich diese Häufung auch zeigt, wenn z.B. Kinder nicht in der Familie des Erkrankten aufgewachsen sind. Allerdings sind die verantwortlichen Gene nicht genau bekannt
  • Frühe Verlust- und Trennungserfahrungen in der Kindheit treten bei Patienten mit Depressionen ebenfalls gehäuft auf
  • Körperliche Erkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente können eine affektive Störung auslösen
  • Aktuelle Stresssituationen spielen als Auslöser von affektiven Episoden eine Rolle, da sie im Vorfeld depressiver Erkrankungen gehäuft auftreten
  • Für den Einfluss biologischer Faktoren spricht u.a. die Wirkweise von Antidepressiva, da diese in die Botenstoff- (Transmitter-) übertragung im Gehirn eingreifen.

Wie äußern sich Manien?

Fallbeispiel Manie

Eine 48-jährige Lehrerin wird stationär aufgenommen, nachdem sie in den Wochen vorher zunehmend überaktiv wurde, um – wie sie selbst sagte – die Welt glücklich zu machen. Nachdem sich über einige Tage eine gehobene Stimmung angedeutet hatte, brach die manische Episode während eines Wochenendkurses, an dem die Patientin kaum schlief, vollständig aus. Danach schlief sie nur noch 1 - 2 Stunden pro Nacht, war den ganzen Tag auf den Beinen, sprach viel und verfolgte das Ziel, ihre Umgebung glücklich zu machen, indem sie für alle Nachbarn Blumenkränze band, mit Kindern am Spielplatz singen wollte u.ä. Sie lehnt eine stationäre Behandlung ab, weil sie sich extrem gut fühle und noch viel zu erledigen habe. Aus der Vorgeschichte sind mehrere manische und schwere depressive Episoden bekannt. Die Patientin verweigert zunächst eine stationäre Aufnahme, eine gute Freundin kann sie jedoch zum Bleiben in der Klinik überreden. Sieerhält zunächst ein hoch wirksames Neuroleptikum (Zyprexa®, s. Kap. 4.1), das gut gegen akute Manien wirkt. Nachdem sich ihr Zustand nach ca. 4 Wochen stabilisiert hat, wird zur weiteren Phasenprophylaxe vorsichtig Lithium eindosiert. Die Patientin hat bereits gute Erfahrungen mit dem Medikament gemacht, dieses jedoch ein halbes Jahr vor der stationären Aufnahme auf Anraten eines sehr religiösen und medikamentenfeindlichen neuen Bekannten abgesetzt. Daher wird mit ihr ausführlich die Wichtigkeit einer regelmäßigen und u.U. jahrelangen Einnahme von Lithium besprochen.

Eine Manie ist symptomatisch das Gegenteil einer Depression. Die wichtigsten Kriterien für die Diagnosestellung sind:

  • Gehobene, ansteckende, teilweise auch gereizte Stimmung
  • Steigerung des Antriebs
  • Ideenflüchtiges Denken (d.h. die Patienten kommen vom „Hölzchen“ aufs „Stöckchen“)
  • fehlendes Krankheitsgefühl und mangelnde Kritikfähigkeit
  • extremer, kaum unterbrechbarer Redefluss
  • Selbstüberschätzung bis hin zu Größenideen
  • starke Ablenkbarkeit
  • vermindertes Schlafbedürfnis und Libidosteigerung.

Die gehobene Stimmung von manischen Patienten äußert sich durch extrem gute Laune, Ausgelassenheit und Heiterkeit, allerdings ist sie leicht irritierbar. Das heißt, dass sie leicht umschlagen kann in Gereiztheit mit deutlich aggressivem Unterton. Das Selbstwertgefühl ist in Manien gesteigert, Selbstreflexion und insbesondere Krankheitseinsicht dementsprechend massiv eingeschränkt. Auch die vegetativen Symptome bilden das Gegenbild zur Depression: Die Patienten benötigen kaum Schlaf, haben einen gesteigerten Appetit, fühlen sich besonders gesund und kraftvoll und haben häufig auch eine gesteigerte Libido, teilweise gehen manische Patienten auch rasch wechselnde sexuelle Kontakte ein.

Als ideenflüchtiges Denken wird bezeichnet, dass Maniker unbeständig, flüchtig und einfallsreich denken, wobei sich der Denkinhalt ständig ändert und Außenstehende oft nicht mehr mitkommen. Allerdings sind im Gegensatz zur schizophrenen Symptomatik die Verbindungen zwischen den Gedankengängen noch verständlich, also nicht zerfahren.

In Manien treten häufig Größenideen mit rasch wechselnden Inhalten auf, z.B. halten sich die Patienten in rascher Folge für einen begnadeten Sänger und einen hochraffinierten Unternehmer. Diese Vorstellungen können sich bis zum Größenwahn steigern. Der gesteigerte Antrieb äußert sich in gesteigerter Aktivität und Bewegung und starkem Rededrang, wobei viele spontane Gedanken und Entschlüsse kritiklos umgesetzt werden können. Dies kann zu massiven sozialen Problemen führen, wenn die Patienten sich beispielsweise durch Umsetzen einer spontanen Geschäftsidee in den finanziellen Ruin stürzen, sich sexuell völlig enthemmt benehmen oder Dinge tun, für die sie sich nach Abheilen der Manie bitter schämen.


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