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Krankheiten referenzindex «Appendizitis (Blinddarmentzündung)»

Unter einer Appendizitis wird eine Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms verstanden. Im deutschen Sprachraum wird dieses Krankheitsbild sprachlich nicht korrekt als Blinddarmentzündung bezeichnet. Ist tatsächlich der Blinddarm (das Coecum) entzündet, wird in der Fachsprache von einer Typhlitis gesprochen.

Der Verlauf der Erkrankung kann von einer leichten Reizung, über die schwere Entzündung bis hin zum Wanddurchbruch (Perforation in die freie Bauchhöhle) und damit zu einer Peritonitis führen.

Eines der berühmtesten Todesopfer war Reichspräsident Friedrich Ebert von der SPD.

Anatomie, Ursachen, Häufigkeit

Der Blinddarm ist der blinde Anfangsteil des im Unterbauch aufsteigenden Dickdarms (Colon ascendens). Am Blinddarm befindet sich ein Anhängsel, der so genannte Wurmfortsatz (Appendix vermiformis). Der Wurmfortsatz enthält viele Lymphfollikel und kann sich durch Infektion mit Krankheitserregern oder aber (häufiger) durch Verlegung zum Beispiel mit Kotsteinen oder Fremdkörpern (Kirschkerne, seltener: Kerne von Weintrauben oder Melonen) entzünden. Ein Wurmbefall (Askariden oder Oxyuren) des Darms ist manchmal damit assoziiert.

Die Appendizitis ist die häufigste Ursache für das akute Abdomen und tritt mit einer Häufigkeit von etwa 100 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr auf. Das Risiko im Laufe des Lebens an einer Appendizitis zu erkranken (Life-time-risk) liegt bei etwa 7-8 %.

Beschwerden

Meist sind Schmerzen in der Gegend des Bauchnabels sowie in der Magengegend spürbar, jedoch verlagern sie sich innerhalb weniger Stunden in den rechten Unterbauch. Des Weiteren leiden die Patienten unter Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und auch oft unter Verstopfung. Die Körpertemperatur kann auf bis zu 39 °C ansteigen (Fieber) mit entsprechend beschleunigtem Puls (Tachykardie). Durch eine Verlagerung des Wurmfortsatzes kann es bei Schwangeren zu Schmerzen im rechten Ober- oder Mittelbauch kommen. Bei älteren Patienten sind die Beschwerden nicht so deutlich ausgeprägt, die Symptome können nicht so leicht zugeordnet werden (sog. Altersappendizitis). Allgemein muss man sagen, dass die Symptome einer akuten Appendizitis nicht immer typisch sind und somit die Diagnosestellung schwierig sein kann.

Diagnostik

Die Diagnose der Blinddarmentzündung wird im Rahmen der ärztlichen Untersuchung gestellt. Es gibt keinen Beweis dafür, dass eine Appendizitis vorliegt. Allerdings ist bei einem typischen Befund im Ultraschall die Diagnose mittlerweile sicher, da sich die Ultraschallauflösung in den letzten Jahren stark verbessert hat. Der Ausschluss einer Appendizitis bei überblähtem Darm ist jedoch oft schwierig.

Die Diagnose Wurmfortsatzentzündung erhärtet sich durch klinische Befunde:

  • Die Palpation des Unterbauchs McBurney-Punkt, Lanz-Punkt, retrogerades Darmausstreichen in Richtung Appendix (Rovsing -Zeichen)
  • Kontralateraler Loslassschmerz (Blumberg-Zeichen): Hierbei wird auf der Körpergegenseite (kontralateral, also links) ein manueller Druck auf den Unterbauch ausgeübt und plötzlich wieder losgelassen. Im positiven Fall stellt sich daraufhin rechts ein Schmerz ein.
  • Psoas-Dehnungsschmerz (das Bein wird im Oberschenkel gegen einen Widerstand gebeugt, wenn dabei Schmerzen im Unterbauch auftreten, ist der Test positiv)
  • Douglas-Schmerz (Schmerzen bei digital-rektaler Untersuchung)
  • Temperaturdifferenzmessung Achselhöhle-Mastdarm ( 2°C) in etwa 50 % der Fälle
  • Laboruntersuchung des Urins und des Blutes (Leukozytose, Erhöhung des CRP u. a.)
  • Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes (Kokardenformation, tubuläre Struktur, Abszess, Ausschluss anderer Erkrankungen)
  • Computertomographie (CT)
  • evtl. Röntgen, bei Frauen immer gynäkologisches Konsil

Am wichtigsten sind dabei die Laboruntersuchungen (Leukozyten, CRP), der Ultraschall und bei untersuchungstechnischen Schwierigkeiten damit das CT.

  • Bei der Anamnese ist die Verlagerung des Schmerzes vom mittigen Oberbauch in den rechten Unterbauch und das Aufhören des anfangs periumbilikalen oder epigastrischen Schmerzes wichtig.
  • Das plötzliche Auftreten eines schmerzfreien Intervalles mit anschliessenden massiven Schmerzen im ganzen Bauchraum spricht für einen Durchbruch (eine Perforation) der Appendizitis.

Auch bei einer klinisch typischen Appendizitis ist heute vor der Operation immer einer Ultraschalluntersuchung anzustreben, um andere Erkrankungen mit gleicher Symptomatik wie beispielsweise den Morbus Crohn auszuschliessen.

Trotz vieler technischer Errungenschaften in der Medizin ist jedoch nach wie vor das entscheidende diagnostische Kriterium die exakte Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) sowie der klinische Befund des Bauches durch einen erfahrenen Chirurgen. Sämtliche apparativen oder labortechnischen Untersuchungen sind lediglich hilfreich, jedoch nicht ausschlaggebend für die Indikation zur Operation und deren Zeitpunkt bezüglich der Dringlichkeit.

Differentialdiagnosen ( Was kann noch vorliegen ?)

Die folgende Liste der möglichen anderen Diagnosen , die sich hinter einer vermuteten Blinddarmentzündung verbergen können, ist lang und abschreckend. In der medizinischen Alltagssituationgrenzen sich diese Möglichkeiten durch technische Untersuchungsmöglichkeiten und klinische Verlaufsuntersuchungen sehr schnell auf wenige andere Krankheiten ein.

Gastrointestinale Differentialdiagnosen

  • Unspezifische Bauchschmerzen (Reizdarm )
  • Cholecystitis
  • Morbus Crohn
  • Rechtsseitige Divertikulitis
  • Meckel-Divertikel
  • Zwölffingerdarmgeschwür
  • Gastroenteritis
  • Enterokolitiden
  • Darmverschluss
  • Tumorerkrankungen
    • Carcinoid
  • Pankreatitis mit Exsudatstrasse in Richtung rechter Unterbauch
  • Darmperforation
  • Volvulus

Gynäkologische und urologische Differentialdiagnosen

  • Tubargravidität
  • Endometriose
  • Ovarialtorsion
  • Adnexitis
  • Ruptur einer Ovarialzyste
  • Harnleiterstein
  • Pyelonephritis
  • Hodentorsion
  • Blasenentzündung

Pulmologische Differentialdiagnosen

  • Pleuritis
  • Basale Pneumonie
  • Lungeninfarkt

Systemische Differentialdiagnosen

  • Ketoazidose bei Diabetes mellitus
  • Porphyrien
  • Purpura Schönlein-Henoch

Behandlung

Besteht der Verdacht auf Blinddarmentzündung, ist die Appendektomie als operative Massnahme angezeigt. Dabei sollte möglichst früh (innerhalb von etwa 48 Stunden) operiert werden. Die Appendektomie kann offen - chirurgisch durch den sog. Unterbauchwechselschnitt durchgeführt werden und laparoskopisch mit Hilfe einer ins Abdomen eingeführten Kamera.

Ein Abwarten mit konservativer Behandlung (Bettruhe, Antibiose, Nahrungskarenz und ständige ärztliche Kontrolle) ist prinzipiell möglich, doch sollte sie nur in Betracht gezogen werden, wenn eine sofortige Operation nicht möglich ist.

Die Prognose der Erkrankung ist gut. Die Letalität (Sterblichkeit) des Eingriffs liegt bei nichtperforierter Appendizitis unter 0,001 % und ist damit sehr gering. Bei einem Durchbruch der Entzündung in die freie Bauchhöhle (Perforation ) steigt sie allerdings auf etwa 1 %.

Komplikationen

  • Konglomerattumor
  • perityphlitischer Abszess
  • Perforation mit Peritonitis ( etwa 5 - 10 % der operierten Fälle)
  • Douglas-Abszess

Geschichte der Erkrankung

Bis ins Jahr 1900 wurde die Blinddarmentzündung konservativ behandelt, allerdings bei echter Appendizitis mit schlechtem Ergebnis. Ein prominenter Fall war der englische König Eduard der Siebte, der um 1900 regierte und der eine schwere Blinddarmentzündung nur mit Mühe überlebte.

Einer der ersten deutschen Chirurgen, der sich für die operative Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes einsetzte war der gebürtige Mecklenburger Bernhard Riedel. Dieser studierte Medizin in Jena und Rostock, habilitierte sich in Göttingen und wurde 1888 Ordinarius und Direktor der Chirurgischen Klinik in Jena. Gleichzeitig mit dem Amerikaner McBurney erarbeitete Riedel den Wechselschnitt als Operationstechnik. McBurney veröffentlichte 1889 vor der New York Surgical Society seinen klassischen Bericht über frühzeitiges operatives Eingreifen bei der Appendizitis. Er beschrieb die Stelle des stärksten Schmerzes im rechten Unterbauch, die seither als McBurney-Punkt bekannt ist. Nach den ersten chirurgischen Erfolgen bei der Blinddarmentzündung wurde die Krankheit für mehrere Jahrzehnte eine rein chirurgische Angelegenheit. Der Chirurg diagnostizierte sie und operierte sie. Dies führte zu einer relativ hohen Zahl von Blinddarmoperationen. Ein Meilenstein in der chirurgischen Technik war die Einführung und Verbreitung der laparoskopischen Appendektomie in den Jahren 1980 bis 1990.

Mit der Verfeinerung der bildgebenden Diagnostik des Ultraschalles und des CTs , sowie der Erweiterung der Entzündungsdiagnostik im Blut mittels CRP und Leukozyten wanderte die Indikationsstellung zur Appendektomie wieder etwas zurück in die Innere Medizin und die Zahl der unnötigen Blinddarmoperationen ging zurück. Heute wird nur etwa jeder zehnte Patient mit Verdacht auf Blinddarmentzündung operiert. Erstaunlich in der medizinischen Geschichte der Blinddarmentzündung ist die geringe Erfahrung mit der antibiotischen Therapie dieser Erkrankung. Auch im Vergleich operative Therapie gegen eine operative Therapie plus Antibiotikagabe gibt es kaum verwertbare vergleichende Untersuchungen.

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Letzte Aktualisierung: 14. November 2006


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