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Krankheiten referenzindex «Dissoziative Identitätsstörung»

Dissoziative Identitätsstörung


Bei der Dissoziativen Identitätsstörung – auch Multiple Persönlichkeitsstörung genannt – handelt es sich um eine chronische psychische Störung, unter der etwa 2 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung leiden. Frauen sind dabei etwa neunmal häufiger von einer Dissoziativen Identitätsstörung betroffen als Männer. Eine Dissoziative Identitätsstörung entwickelt sich in der Regel während der Kindheit als Folge traumatischer Erlebnisse. Gekennzeichnet ist eine Dissoziative Störung durch die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der betroffenen Person übernehmen. Weitere Symptome der Dissoziativen Identitätsstörung sind dissoziative Amnesien, Fugue-Zustände, Depersonalisation und Derealisation.

Definition: Dissoziative Identitätsstörung


Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist die ausgeprägteste Form einer dissoziativen Störung. Im Grunde beinhaltet die Dissoziative Identitätsstörung alle bedeutsamen Elemente anderer dissoziativer Störungen, so dass im Rahmen der Erkrankung z.B. dissoziative Amnesien (Gedächtnisverlust), Fugue-Zustände (plötzliches, unerwartetes und zielloses Weglaufen einer Person ohne objektiv feststellbaren Grund) sowie starkes Depersonalisationerleben (d.h. das Selbst und der eigene Körper wird als fremdartig und unwirklich wahrgenommen) oder Derealisationserleben (d.h. die Umwelt wird als fremd wahrgenommen) auftreten können (Putnam 2003).

Dissoziative Identitätsstörung als chronische Störung


Die Dissoziative Identitätsstörung ist eine chronische Störung und im Gegensatz zu den übrigen in den Krankheitsklassifikationssystemen DSM-IV (Saß et al. 2003) und ICD-10 (Dilling et al. 1999) beschriebenen dissoziativen Störungen kein zeitlich begrenzt auftretendes Phänomen. Wird eine Dissoziative Identitätsstörung nicht sachgerecht behandelt, kann sie dauerhaft bestehen bleiben und sich im Laufe des Lebens in unterschiedlichen Formen manifestieren (Kluft 1985).

Existenz mehrerer Teilpersönlichkeiten bei der Dissoziativen Identitätsstörung
Die „Multiple Persönlichkeitsstörung“, wie die frühere und auch heute noch populäre Bezeichnung der Dissoziativen Identitätsstörung lautet, ist einer der ungewöhnlichsten psychischen Zustände. Die Existenz scheinbar separater und unabhängiger Teilpersönlichkeiten, die abwechselnd das Verhalten eines Menschen bestimmen, wirkt auf manche Menschen ungeheuer faszinierend und veranlasst andere dazu, vehemente Empörung zum Ausdruck zu bringen. Die Möglichkeit der Existenz solcher Teilpersönlichkeiten innerhalb eines Individuums nährt Zweifel daran, ob die allgemein akzeptierten Grundannahmen über die Einheit der Persönlichkeit und der Bewusstseinsstruktur gültig sind.

Schwierigkeit der Zuordnung von Symptomen bei der Dissoziativen Identitässtörung
Darüber hinaus können im Rahmen einer Dissoziativen Identitätsstörung fast alle Symptome auftreten, die viele andere psychiatrische Erkrankungen charakterisieren, so dass die Zuordnung psychopathologischer Syndrome und komorbider (zusätzlich auftretender psychischer) Störungen sehr schwierig sein kann.

Geschichte der Dissoziativen Identitätsstörung


Die Geschichte der Dissoziativen Identitätsstörung verläuft parallel zur Geschichte der modernen Psychiatrie (Putnam 2003). Jean-Martin Charcot (1825-1893) und viele seiner berühmten Mitarbeiter, wie z.B. Babinski (1857-1932), Bernheim (1840-1919) und Janet (1859-1947), machten dissoziative Phänomene im Allgemeinen und die „multiple Persönlichkeitsstörung“ im Besonderen zu einem zentralen Punkt ihrer Theorien über die Psychopathologie und die Psyche. In den USA fandeine ähnliche Entwicklung statt, deren wichtigste Vertreter, William James (1842-1910) und Morton Prince (1854-1929), sich aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit DIS-Patienten mit dem Wesen des Bewusstseins und der Organisation der Psyche auseinandersetzten. Selbst Freud, der später seine psychodynamische Theorie entwickelte, in deren Mittelpunkt kurz gesagt nicht die Dissoziation, sondern die Verdrängung und andere unbewusste Mechanismen stehen, erforschte zu Beginn seines Schaffens das Wesen des Doppelbewusstseins (z.B. Fall Anna O in Breuer und Freud 1991).

Pierre Janet prägte im Rahmen seiner Forschungen den Begriff der Dissoziation als Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins und beschrieb ein bis heute gültiges Diathese-Stress-Modell (Janet 1889), das als Basis für aktuelle Theorien zur Dissoziation wie z.B. die Theorie der Strukturellen Dissoziation (van der Hart, Nijenhuis und Steele 2008) dient.

Die Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung wurde erstmals 1980 in einem psychiatrischen Klassifikationssystem (DSM-III, APA 1980) aufgenommen. 1991 erfolgte die Aufnahme auch in die ICD-10 (Dilling et al. 2003).

Häufigkeit der Dissoziativen Identitätsstörung


In der ICD-10 wird die Dissoziative Identitätsstörung als seltene Störung angegeben, obwohl sie eine ähnliche Häufigkeit aufweist wie die Borderline Persönlichkeitsstörung. Epidemiologische Studien gehen für die Dissoziative Identitätsstörung von einer Prävalenz von 2 bis 10 Prozent in der Gesamtbevölkerung (Gast et al. 2001) und 4 bis 35 Prozent in psychiatrischen Patientenpopulationen (Gast et al. 2001; Foote et al. 2006; Sar et al. 2007) aus. Dabei scheinen Frauen mit einem Verhältnis von 9:1 sehr viel häufiger von der Dissoziativen Identitätsstörung betroffen als Männer (Gast et al. 2006).

Obwohl die Dissoziative Identitätsstörung keineswegs selten ist, werden die Patientinnen und Patienten selten überhaupt oder gar nicht, häufig aber fehldiagnostiziert (Gast et al 2006), waswahrscheinlich nicht nur für die Dissoziative Identiätsstörung, sondern dissoziative Störungen überhaupt gilt (Wirtz et al. 2007). Sie werden somit auch nicht einer entsprechenden Behandlung, insbesondere Psychotherapie, zugeführt oder sie profitieren dort nicht erwartungsgemäß, weil die zugrunde liegende Dissoziative Identitätsstörung übersehen wird. Durch eine frühzeitige Diagnostik kann dagegen eine störungsspezifische Psychotherapie eingeleitet und der Erkrankungsverlauf der Dissoziativen Identitätsstörung günstig beeinflusst werden (Gast et al. 2006).

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