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Krankheiten referenzindex «Rückenschmerzen - Angst-Vermeidungs-Verhalten»

Angst vor Schmerz

Ob die Hand am Herd verbrannt oder zu schwere Lasten gehoben: Akute Schmerzen wie beispielsweise Rückenschmerzen sind ein Warnsignal, das instinktiv einen sofortigen Rückzug auslöst (Reflex). Die schmerzauslösenden Situationen werden anschließend tunlichst vermieden. Die Evolution hat so dafür gesorgt, dass sich Menschen nicht noch stärker verletzen und Blessuren in Ruhe heilen können.

Was in vielen Situationen sinnvoll ist, kann sich bei Rückenschmerzen auch als Hindernis erweisen. Bei Patienten mit Rückenschmerzen kann die gelernte Angst vor der Bewegung zu immer größerer Inaktivität führen - der Schmerz kann in solchen Fällen chronisch werden.

Vermeidung wirkt nicht

Biomechanisch ist es einfach zu verstehen, das Bewegungsmangel (Inaktivität) die Rückenschmerzen weiter verstärkt: Der Körper braucht Bewegung, ja sogar Belastung, wenn er richtig funktionieren soll. Fehlt die Beanspruchung, kommt es mit der Zeit zu gravierenden Veränderungen: Die nicht genutzte Muskelmasse schwindet, der Mineralgehalt der Knochen sinkt und die komplizierte Koordination von Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken funktioniert nicht mehr reibungslos. Die Bewegungslosigkeit verursacht somit mehr Schaden als Schmerzen.

Eine solche Reaktion auf (Rücken-)Schmerzen, die zwar kurzfristig sinnvoll, aber langfristig schädlich ist, nennen Psychologen "Vermeidungsverhalten". Dabei spielen psychologische Faktoren eine wichtige Rolle. Der "Motor" dieses Verhaltens ist Angst, genauer: die Angst vor Schmerz.

Die Macht der Angst

Wie groß der Einfluss der Psyche auf das Schmerzempfinden, also auch auf empfundene Rückenschmerzen, ist, zeigen wissenschaftliche Studien. Forscher baten 50 Patienten mit Rückenschmerzen zu einem Leistungstest der Oberschenkel. Der einen Hälfte versicherten sie wahrheitsgemäß, dass sich die Rückenschmerzen durch die Beinbelastung keinesfalls verstärken würden. Der anderen Gruppe gaben sie falsche Informationen: Sie redeten den Patienten ein, die Belastung könne ihre Schmerzen kurzzeitig verschlimmern.

Das Ergebnis: Die ängstlichen (also falsch informierten) Patienten mit Rückenschmerzen führten den Test mit weniger Kraft und Wiederholungen durch. Ihr Schmerzempfinden verstärkte sich schon allein durch die Erwartung kommender Schmerzen. Auch nach dem Test blieb es auf einem erhöhten Niveau. Teilnehmer, die beruhigt (also richtig informiert) worden waren, trauten sich mehr und kräftigere Beinarbeit zu. Vor allem aber sank ihre Schmerzempfinden aufgrund der beruhigenden Auskünfte und blieb auch nach dem Muskeltest auf niedrigerem Niveau.

Bewegungsangst macht krank

Inzwischen vergleichen Psychologen das Vermeidungsverhalten von Rückenschmerz-Patienten mit einer Phobie. Die genaue Bezeichnung lautet Kinesiophobie (von kinesis = Bewegung).

Die Angst, durch Bewegung Rückenschmerzen zu provozieren oder zu verstärken, führt dazu, dass sich der Betroffene immer weniger bewegt. Jede Andeutung von Bewegung und Belastung wird mit ängstlicher Aufmerksamkeit registriert. Irgendwann wird Bewegung an sich als schmerzhaft empfunden.

Typischerweise begleiten eine ganzen Reihe negativer - und falscher - Überzeugungen die Angst vor Rückenschmerzen und das Vermeidungsverhalten. Die Betroffenen sind der Überzeugung, dass Bewegung und Belastung im Zusammenhang mit Rückenschmerzen grundsätzlich schädlich sind. Aus dieser (falschen) Annahme entsteht die Angst und schließlich das Vermeidungsverhalten.

Es schleift sich ein festgefahrenes Muster zur Verhinderung von Rückenschmerzen ein: Wer sich aus Angst, dass sich der Schmerz verschlimmert, überhaupt nicht mehr bewegt, kann auch nicht die Erfahrung machen, dass Bewegung vielleicht doch nicht schmerzhaft ist und vielleicht sogar die Rückenschmerzen mildert.

Rückzug aus dem Leben

Aus der Angst vor dem Rückenschmerz wird nach und nach die Angst vor Bewegung, die sich auf immer mehr Bewegungsarten ausdehnt. Der Betroffene vermeidet die Bewegung und verzichtet schließlich auf viele Aktivitäten, die er vielleicht früher gern ausgeübt hat. Damit sinkt seine gesamte Lebensqualität.

Er zieht sich aus dem gesellschaftlichen und sozialen Leben zurück und traut sich vielleicht auch seinen Beruf nicht mehr zu. Darunter leidet wiederum das Selbstwertgefühl, was letztendlich sogar zu depressiven Symptomen führen kann. Diese bewirken eine Verstärkung der Schmerzwahrnehmung.

Damit ist ein Teufelskreis rund um den Rückenschmerz entstanden, der im Wesentlichen nicht durch körperliche Schäden verursacht wird, sondern durch Gedanken, Ängste und das daraus resultierende Verhalten des Betroffenen. Mit einer Schmerztherapie aus verschiedenen Ansätzen kann es gelingen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.


Kommentar «Rückenschmerzen - Angst-Vermeidungs-Verhalten»